F/O Villiers fliegt wieder!

Wenn der Frieden zu Tode langweilt. Der ehemalige RAF-Pilot Daniel Villiers führt mit schnellen Motorrädern fort, was mit Jagdbombern über Burma begann. Eine Kurzgeschichte.

Die frühen Morgenstunden an der Rennstrecke erinnerten Daniel stets an seine Starts mit No. 22 Squadron in Burma. Wenn das Rosa der Dämmerung verblasste, die Sonne schnell wärmer wurde und der Geruch von erhitztem Metall, Benzin und Schweiß im Cockpit alles andere überlagerte.

In diesem Augenblick, im Sattel seines ruhenden Motorrads, fühlte Daniel wieder den Moment der tiefen Konzentration, in dem er alle Geräusche und Bewegungen um ihn herum wahrnehmen und gleichzeitig ausblenden konnte. Mit sanften Schaukelbewegungen begann er eine zarte Verbindung zu seiner Triumph herzustellen, wie er es in Burma schon so viele Male hinter dem Steuer von “Freddie” getan hatte. Als würden unsichtbare Fäden aus seinen Händen und Schenkeln heraustreten, um sich mit dem Nervensystem seiner Maschine zu vereinen.

Kurze Zeit später war er bereit für den Einsatz. Bereit für die Erregung. Das große Risiko und die Euphorie, die anschließend in ihm emporschäumen würde. Er klappte den Kickstarter aus und begann langsam den Totpunkt des Twins zu suchen.

Zurück nach Ceylon

Am 2. September 1945 kapitulierte Japan – und bereits am 30. September wurde No. 22 Squadron der Royal Air Force im indischen Gannavaram aufgelöst. Mit der Niederlage des Feindes und seiner wiedererlangten persönlichen Freiheit überkamen Flight Officer Daniel Villiers allerdings keine Gefühle der Freude, wie man es doch im Fall eines großen und mühevollen Sieges hätte erwarten sollen. Stattdessen beunruhigten ihn Empfindungen von Verlust, Verwirrung und Ratlosigkeit, die sich in den Tagen bis zu seiner Verabschiedung noch verfestigten. Sein Navigator und Freund Alfred Pierce und alle anderen der Staffel schienen voller Pläne und strahlender Perspektiven zu sein. Und er? Wieder England? Am Ende entschied er sich dafür nach Ceylon zurückzukehren, weil die ersten zwei Jahre dort mit No. 22 Squadron die schönsten seines Lebens waren. Vielleicht würde er hier wieder Glück haben und eine brauchbare Idee für seine Zukunft entwickeln?

F für Freddie

Dreieinhalb Monate später, angetrunken und allein in seinem Club in Colombo, dachte Daniel das erste Mal wieder an “Freddie”. Das war sein grün-brauner Bristol Beaufighter Mk. X mit der Kennung F auf dem Rumpf. F für “Freddie”. Kein schönes Flugzeug, sondern ein gedrungenes Biest, das von zwei Doppelsternmotoren mit jeweils 1725 hp durch den Himmel gezogen wurde. “Freddies” Höchstgeschwindigkeit lag bei 278 kts und seine Feuerkraft war gewaltig: Vier 20 mm Kanonen im Bauch, sechs 7,7 mm MG in und acht RP-3 Raketen unter den Flügeln. Damit konnte der “Beau” ein kleines Schiff aus dem Wasser heben. Und das taten F/O Villiers und die anderen der No. 22 Squadron auch regelmäßig auf ihren langen Patrouillen entlang des endlosen Irrawaddys.

Die Angriffe auf Eisenbahnlinien, Verladestationen, Straßen voller Lastwagen und auf die vielen kleinen Versorgungsschiffe auf dem großen Strom waren zwar aufregend, bedeuteten Daniel aber nicht viel. Es waren die aberwitzigen Tiefflüge, die ihn in einer nicht für möglich gehaltenen Weise faszinierten. So tief wie möglich und so schnell wie möglich, um die Japaner zu überraschen.

Das Schema war stets gleich. Nach dem Marschflug in 10.000 feet gingen sie später auf Baumwipfelhöhe herunter und, beim Einschwenken ins eigentliche Zielgebiet, auf maximale Leistung. Die “Beaus” flogen beladen nicht besonders gut geradeaus und Daniel musste mit sehr viel Gefühl steuern, um den schweren “Freddie” nicht in den dampfenden Urwald Burmas zu rammen. Gleichzeitig galt es die Gashebelstellung, Gemischanzeige, Luftschraubenstellung, Ladedruck, Öldruck, Benzindruck, Zylindertemperatur für beide Motoren und nicht zuletzt den Luftraum über und hinter sich im Blick zu behalten, ob nicht eine der anderen Maschinen zu dicht aufschloss oder sich vielleicht doch einmal eine japanische “Oscar” auf ihn stürzte. Hinzu kamen der barbarische Lärm und die heftigen Vibrationen der beiden Hercules XVII-Triebwerke, die rechts und links neben seinem Cockpit unter Volllast brüllten.

Das waren unfassbar aufregende Ritte auf einer 24.000 lb schweren, hochexplosiven Kanonenkugel. Und F/O Daniel Villiers liebte sie mehr als alles andere auf der Welt.

Pannala Racing Club

Ohne Pannala wäre er eingegangen. Der Frieden auf Ceylon war so öde. Der Job in der Firma. Seine Kollegen. Die Leute im Tennisclub. Die Bekanntschaften in den Bars von Colombo und auch die Mädchen, die er manchmal mit nach Hause nahm. Sie alle langweilten ihn nach kürzester Zeit und zwangen ihn, mehr zu trinken als gut für ihn war. Sein Schweigen wurde schließlich wahrgenommen und nach einer Weile schien man ihn zu meiden. Es war ihm recht.

Bis er aus Zufall zur Rennstrecke von Pannala kam. Seine Landsleute hatten ihn mit ihrer Exzentrik für Golf, Tennis, Cricket und Polo ja schon immer amüsiert. Jetzt aber, beim Anblick einer asphaltierten Rennstrecke inmitten eines Urwaldes voller Vögel und Makaken, musste er einfach herzhaft lachen. Gab es etwas Verrückteres auf der Welt als Briten?

Mit seiner Ankunft setzte auch schon der Trainingsbetrieb ein und die ersten Motorräder begannen mit ihren Runden. Daniel fühlte sich sofort angezogen. Die Maschinen waren abenteuerlich umgebaut, sehr laut und umfuhren den Kurs mit beeindruckendem Tempo. Sie schienen alle aus den Beständen der Armee zu stammen und er konnte die Markennamen Rudge, Ariel, Norton, Matchless und Sunbeam auf den Tanks erkennen. Daniel umrundete zu Fuß die Strecke bis er zu einer weiten Kurve kam, die mit Höchstgeschwindigkeit durchfahren werden konnte. Die beste Stelle für die mutigsten Fahrer, die sich hier vom Feld absetzen konnten. Immer wieder beobachtete Daniel ausbrechende Hinterräder, bedrohlich wackelnde Fahrwerke und funkenschlagende Fußrasten – und war hellauf begeistert!

Am gleichen Abend kannte er bereits alle Fahrer des Pannala Racing Clubs beim Vornamen, hatte ein ordentliches Stück Haut am rechten Ellbogen verloren und war Eigentümer einer leicht verwitterten Royal Enfield WD/CO 350. Das Strecken-Faktotum, ein junger Singhalese namens Vindula, trug ihn feierlich in die Liste der Club-Mitglieder ein und empfahl sich als Mechaniker und Lieferant von Ersatzteilen, Scotch und Zigaretten. Spät nachts im Bett konnte sich Daniel nicht erinnern, in seinem zivilen Dasein jemals so viel Spaß gehabt zu haben wie an diesem Tag. Motorräder!

Triumph Grand Prix T100

Seine nagelneue Triumph sprang sofort an. Mit dem rechten Fuß legte er den ersten Gang ein und beschleunigte die schlanke Maschine mit dem silbernen Tank. Nach zwei Einführungsrunden war er soweit und begann die Gänge vollständig auszudrehen. Zweiter, Dritter, Vierter und wieder runter. Seine „Grand Prix T100“ war ein rassiger Production Racer, den er sich 1947 aus England importieren ließ. Sehr leicht, sehr handlich und ziemlich leistungsfähig, wenn der Motor nur ordentlich gedreht wurde. Die anderen Clubmitglieder konnten ihn schon nicht auf seiner alten Armee-Maschine einholen und jetzt, mit der unschlagbaren Grand Prix, fuhr er nur noch gegen sich selbst.

Aber es ging ihm ja auch gar nicht um den Wettbewerb. Daniel wußte, dass es bei ihm die Geschwindigkeit war. Die Beschleunigung. Den Blick in kurzen Abständen auf den Drehzahlmesser und das Ohr auf die Geräusche des Motors gerichtet. Das sekundenschnelle Gegensteuern beim Ausbrechen der Räder, ohne dabei merklich an Fahrt zu verlieren. Den minimalen Abstand zu den Bäumen am Streckenrand. Das ungedämpfte Brüllen aus den beiden Auspuffrohren. Der schmale Grat vor dem Sturz.

Runde um Runde hämmerte er allein um den Kurs. Je nach Streckenabschnitt untersteuerte oder übersteuerte die Triumph. Doch Daniel behielt seinen Rhythmus und durcheilte die große “Mutkurve” Runde um Runde auf dem gleichen Strich. Und Runde um Runde flog wieder der grüne Wald an ihm vorüber, fast so, wie er es von Burma gewöhnt war. Und jedes Mal, wenn er die Triumph aus maximaler Schräglage aufrichtete, in den höchsten Gang schaltete und voll beschleunigte, hätte er vor Freude schreien können. Es war wieder so wie damals mit No. 22 Squadron. So unvergleichlich aufregend und intensiv. So wie es immer sein sollte.

Wieder ein Abschied

Grand Oriental Hotel Colombo, Mai 1948

Mein lieber Alfred,

ich habe mich entschieden, Ceylon so rasch wie möglich zu verlassen. Die Dinge sind hier mächtig in Bewegung geraten und offensichtlich wird ein Konflikt zwischen Singhalesen, Tamilen und Muslimen – trotz ihrer jüngst erlangten Unabhängigkeit von uns – nicht mehr lange auf sich warten zu lassen. Wir Briten fühlen uns hier alle wie in einem großen Hotel am Ende der Saison, dessen Personal mit Ungeduld die Abreise seiner Gäste erwartet. Hätten wir mit der Unabhängigkeit nicht doch noch warten können? Es ist traurig.

Nun, um ehrlich zu sein, ist die Trauer über den Abschied von meiner geliebten Triumph Grand Prix doch um ein vielfaches größer. Oh, wie werde ich dieses gefährliche Spielzeug vermissen! Was war das für ein Spaß in den letzten Monaten hier im Racing Club, nachdem uns Vindula endlich die Fässer mit dem Flugzeugbenzin besorgen konnte. Er hofft tatsächlich immer noch, die Rennstrecke in Pannala weiterbetreiben zu können. Ich habe übrigens beschlossen, ihm die Maschine zu überlassen. Sozusagen mein koloniales Erbe. Immerhin scheint Vindula der einzige Vertreter seines Volkes zu sein, der Zündung und Vergaser einer Rennmaschine einzustellen vermag!

Ich werde es jetzt in Hong Kong versuchen (und natürlich wieder fahren. Norton!). Und liegst Du immer noch auf dem richtigen Kurs? Als bestem Navigator von No. 22 Squadron sollte es Dir gelingen! Ich wünsche uns beiden Glück.

Dein D.V.

Zu dieser Geschichte
Zu dieser Kurzgeschichte hat mich das Schicksal der Triumph Grand Prix T100 inspiriert, die Arne Petersen von Iconic-Cycles Ltd. im Jahr 2012 aus Sri Lanka geholt hat (siehe Triumph Grand Prix von Iconic-Cycles Ltd.) Was macht ein rassiges Rennmotorrad in der ehemaligen britischen Kolonie Ceylon? Der Import und die Verwendung der Maschine musste kurz vor der Unabhängigkeit Ceylons im Jahr 1948 stattgefunden haben. Wer tut so etwas? Meiner Meinung nach konnte es sich dabei nur um das Spielzeug eines britischen Gentleman gehandelt haben. Vielleicht ein ehemaliger Kampfflieger, der die Geschwindigkeit vermisste? No. 22 Squadron der Royal Air Force (RAF) gab es übrigens wirklich. Die Stationen der Einheit in Ceylon, Burma und Indien während des Zweiten Weltkriegs sind historisch korrekt.

Bilder: Australian War Memorial, Iconic-Cycles Ltd., das Web.

Achim Bartscht

Auch schön

Triumph Grand Prix von Iconic-Cycles Ltd.

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